Wer „lesen“ kann…

Silberlocke, 2.11.2017 Trittsiegel eines allein ziehenden Wolfes auf einem Acker, Knesebeck, Lüneburger Heide
Silberlocke, 2.11.2017 Trittsiegel eines allein ziehenden Wolfes auf einem Acker, Knesebeck, Lüneburger Heide

„Drei Überläufer haben hier gerade angefangen, die Wiese umzudrehen“, erklärte Schachti, „sie haben plötzlich aufgehört und sind hier fluchtartig über den Graben gesprungen. Etwas muss sie aufgescheucht haben!“

Genauso war es: Gegen halb eins sehe ich zufällig durch das Fernglas drei Schatten, kaum als Sauen erkenntlich, der Vollmond wird von Wolken überdeckt, kein gutes Büchsenlicht. Mach schnell, sonst sind sie weg, hämmert mein Verstand. Aufgescheucht greife ich meine neben mir bereit liegende Waffe und blinzle durch das Zielfernrohr. Ich kann nur raten, nicht wirklich erkennen. Suche aufgeregt durchs Glas. Wo sind sie? Ein Klicken, kaum hörbar, metallisch. Verflixt, habe vergessen, den Riemen mit Schnellverschluss  abzuhaken. Vorbei der ‚Spuk‘! 

Da es zu regnen anfing und der Mond sich wohl nicht mehr zeigen würde, stieg ich ins Auto, holte Einstein von seinem Hochstand ab. Er hatte Sauen gehört, auch, wie die Bache ihre Ältesten anschnaufte. Sie sollten wohl im Schutze des Maisfeldes bleiben!

„Meine Knie und mein Rücken sind total warm. So kann man es aushalten!“ strahlte Einstein, „gute Idee mit den Therma-Care-Dingern!“ Wir meldeten uns per WhatsApp bei Schachti ab und fuhren in unser Domizil.

Wir fahren mit Schachti am frühen Nachmittag durch das Revier. Er will Einstein den Hochstand zeigen, auf dem er die kommende Nacht verbringen kann, sofern frische Sauenfährten einen Ansitz rechtfertigen.

„Stopp“, zischt Schachti mir plötzlich ins Ohr, „Silberlocke, halt an. Kommt beide mit!“

Erstaunt folgen wir ihm, wundern uns, dass sein Kommando-Ton mehr flüsternd ausfällt. Schachti zeigt auf eine Fährte mit handtellergroßen Trittsiegeln.

„Na“, fragt er, „wer war das? Von wem sind sie?“

Einstein vermutet, dass sie von einem großen Hund seien. Ich stimme ihm zu.

„Gib mal in dein Handy ‚Wolfstrittsiegel‘ ein“, schmunzelt Schachti.

Tatsächlich, der Abdruck sieht genauso aus wie der auf dem Acker! Also ein Wolf!

„Ein allein ziehender Rüde“, ergänzt Schachti und fügt erklärend hinzu, „der Wolf hat vier Krallen, ähnlich wie große Hunde, allerdings ist der Gesamtabdruck oval und die beiden vorderen Zehenballen stehen enger zusammen als die Breite des Hauptballens!“ Wir blicken auf die schnurgerade Fährte und denken über die Frage nach, ob Wölfe in unseren Breiten Segen oder Fluch bedeuten.

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