Hoffentlich verpennt er nicht

Kurze Info an Einstein, dass wir nichts gefunden hätten, morgen nachsuchen würden und Schachti mich auf einen Radler mit nach Hause nähme. „Um ein Uhr hole ich dich ab!“

„Vielleicht sollte Einstein etwas länger sitzen“, überlegte Schachti laut, „die Sauen, auf die du geschossen hast, könnten bei ihm auftauchen!“ Ich verabschiedete mich von ihm, um in unser Domizil zu fahren und die nächsten Stunden über mein Versagen nachzugrübeln.

Der Dorfkrug gehört Peter und seiner Frau. Arbeiter verschiedener Firmen nächtigen dort wochentags. Wir hatten zuerst ein Doppelzimmer im ersten Stock. Die Treppe hinauf unsere Waffen zu schleppen, strengte uns sichtlich an. Auch Flo hatte Schwierigkeiten, das enge schwach beleuchtete Treppenhaus hinauf zu hüpfen. Die letzten Stufen nahm sie rückwärts, worüber wir uns köstlich amüsierten.

 

Am zweiten Abend fragten wir Peter, ob er vielleicht noch ein Doppelzimmer ebenerdig hätte. Er hatte:

Ein Doppelzimmer mit Dusche, Waschbecken und separatem WC, direkter Zugang vom Hof. Wir dürfen unsere Winterklamotten dort lassen und brauchen das Zimmer nur dann zu bezahlen, wenn wir es tatsächlich nutzen! Das heißt, jeweils eine Nacht und einen Tag für unter fünfzig Euro!

Peter hat uns eine Kaffeemaschine ins Zimmer gestellt. Drei Stunden vor unseren Nachtansitzen sitzen wir in der Schankstube am runden Frauenpowertisch, trinken einen alkoholfreien Radler oder eine Cola und  lassen uns kulinarisch verwöhnen:  Vorgestern gab es Entenbrust, Rotkohl, gestern Kohlroulade mit Rosenkohl, beide Male mit Kartöffelchen und dicker Soße. Super geiles Essen zu total niedrigen Preisen. Flo hockt oder liegt neben uns auf der Bank, mit Peters Erlaubnis, und bekommt Leckerlies.

Ich, als ehemaliges Heimkind bis zum vierten Lebensjahr, verschlinge das Essen in Windeseile, man könnte mir ja etwas wegessen, während Einstein jeden einzelnen Bissen mit Bedacht und Genuss zerkleinert. Die Pausen zwischen dem Einverleiben der gabelgroßen Bissen werden gekennzeichnet, indem er Messer und Gabel parallel nebeneinander auf den Teller legt. Mir war beigebracht worden, dass man das Besteck erst dann so platziert, wenn man satt ist oder nicht weiteressen möchte. Einstein sieht das anders. Unter Zeitdruck zu essen, die Speisen herunter zu mümmeln, stuft er als Frevel ein oder als Vergewaltigung der Mahlzeit.

 

Auf keinen Fall lege ich mich aufs Bett, dachte ich. Einschlafen geht nicht. Zeit, den Fernseher einzuschalten, den wir bisher nie genutzt hatten. Ein Spielfilm lenkte mich ab. Flo kuschelte sich in die Bettdecke mit einem aufreizenden Gähner und einem Augenaufschlag, der andeuten sollte, dass neben ihr noch Platz für mich im Bett sei.

Um drei Minuten vor zwei Uhr nachts erfassen die Scheinwerfer die Kanzel-Leiter, die Einstein mit Gewehr, Rucksack und dicker Decke vorsichtig tastend hinabsteigt.

„Gott sei Dank“, stöhnt Einstein, „ich dachte schon, du wärst eingeschlafen und ich müsste hier übernachten! Du bist doch sonst immer auf die Minute pünktlich.“

Ich hätte ihm Schachtis Gedanken mitteilen sollen. Verflixt!

Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass die Nachsuche keinen Erfolg hatte. Ich nehme mir vor, in den nächsten Tagen auf den Schießstand zu gehen.

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