Ausgeblendet

„Hier an der Gabelung rechts, hat Schachti gesagt, dann bis zu den Bahnschienen und links runter auf die Wiese, da steht der Hochstand!“ Einstein drückte sein Fernglas vor die Augen und suchte die Kanzel, auf der er sich ansetzen sollte, um Rehwild zu strecken.

„Ich sehe keine, sind wir etwa falsch gefahren? Da ist nur eine Scheune!“

Einstein blickte mich fragend an.

„Fahren wir zur Gabelung zurück, dort links, vielleicht kommt noch eine Abzweigung“, reagierte ich. Gesagt, getan.

Eigentlich hätte der morastiger werdende Feldweg uns warnen müssen. Die von den Sauen aufgewühlten Grasnarben links und rechts entzündeten rote Lampen in unseren Hirnen, die wohl nicht grell genug blinkten, denn, statt umzudrehen, gab ich Gas, den vermeintlich richtigen Hochstand am Ende der Wiese direkt am Waldrand anvisierend!

Wir pflügen uns durch die aufgeweichte, schlammige Weide. „Bloß nicht stehen bleiben“, heizt Einstein mich an, „fahr‘ da hinauf, da wird’s trockener!“ Wir übersehen den Graben. Zu spät! Wir stecken tief im Morast, hinten aufgesetzt. Alle Versuche, sich langsam heraus zu schaukeln, scheitern.

Anruf bei Maik, einem Jungjäger und wichtigem Helfer in jagdlicher Hinsicht. Mailbox: Kurz die Situation aufs Band gesprochen. „Hoffentlich hört er seine Box ab und hilft uns“, stöhnt Einstein, angesichts der peinlichen Lage, in die wir uns selbst manövriert haben. Anruf bei Schachti. Er ist auf einer Jubiläumsfeier, zurzeit nicht erreichbar!

Flo hat sich in ihrer Hütte auf dem Rücksitz eingerollt. Einstein dreht die Scheibe einen Spalt weit hinunter und fragt, ob er einen Zigarillo rauchen dürfe, trotz meiner COPD (chronic obstructive pulmonary disease = chronisch obstruktive Lungenerkrankung).

Hoffentlich müssen wir hier nicht übernachten, denke ich. Erstaunlich ruhig ist es in unserem Wagen. Jeder hängt seinen Gedanken nach.

Ich vermutete, dass Einstein über sein Schicksal nachdachte, das ihm vor einigen Tagen mitgeteilt worden war: Die beiden kleinen Auswüchse am Kopf, operativ entfernt, waren gutartig. Bei der gründlichen Untersuchung aber hatte man kleinste Metastasen entdeckt und eine Entzündung am Rippenbogen, die einen bösartigen Krebs bestätigten. Eine neuartige Behandlungsmethode wurde ihm eröffnet mit dem Hinweis, dass sie sehr erfolgreich wirken könnte. Er will kämpfen, blendet seinen Krebs aus.

Ich selbst hatte vor einer Woche im Rahmen eines Herzkatheters drei Stents gesetzt bekommen und mein Vorhofflimmern war per Elektro-Schock wieder abgestellt worden. Bei jeder Anstrengung spürte ich eine mich ausbremsende Atemnot, die  mich zwang und auch heute noch zwingt, kürzer zu treten. Hätte ich damals nicht geraucht, dann wären meine Lungen in Ordnung, ich müsste nicht dauernd nach Luft schnappen müssen! Hätte, hätte, Fahrradkette!!

Jetzt hängen wir beide hier im Morast, trauen uns nicht, auszusteigen, weil wir nicht bis zu den Knöcheln versinken wollen. Nasskalte Füße, i gitt! „Mit dem Ansitz auf Rehwild wird’s wohl nichts mehr“, frotzelt Einstein.

Völlig unerwartet taucht Maik auf. „Ihr seid schon im Feindlichen! Wo wolltet ihr denn hin?“

Nach mehreren Telefonaten kommt Schachti, ihm folgt ein freundlicher Landwirt mit einem 250 PS-starken Trecker mit Allrad. Sie hören unsere Geschichte, kopfschüttelnd, lächeln verschmitzt, trotz der Tatsache, dass wir alles falsch gemacht haben, was wir nur falsch machen konnten!

„Wenn Schachti uns gesagt hätte, dass der Hochstand hinter der Scheune versteckt stehen würde, dann…“, wollten wir unsere Unfähigkeit ausblenden. Peinlich! 

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