Aus dem Mais gepurzelt

„Wir waren vier Schützen und haben drei Keiler von 110, 100 und 70 kg geschossen. Dazu einen Marderhund und einen Dachs!“

Diese WhatsApp von Schachti elektrisierte uns. Wir machten uns morgens um 5.00 Uhr auf den Weg, als folgende Nachricht kam: „Samstag geht es weiter bis Sonntagabend. Ihr seid gern gesehene Gäste!“

Aufgrund glücklicher Umstände hat meine Frau uns einen gebrauchten Geländewagen kaufen können, mit dem wir die nächsten Jahre zum Jagen fahren werden.

Um halb Neun waren wir im Revier. Zwölf Jäger begrüßten uns. Schachti hatte seinen Jagdwagen samt Trecker bereitgestellt. Kaffee und Kuchen wie alkoholfreie Biere überbrückten die Wartezeit, bis der Häcksler und die drei Trecker-Kolosse nahten. Jedem Jäger wurde nach Schachtis  klarer Bekanntgabe verbindlicher Regularien  der jeweilige Stand zugewiesen.

Die ersten Reihen des Maisfeldes fraß der Häcksler gierig und konsequent. Das Ergebnis pustete er in die riesigen, klobigen Anhänger. Zwölf Reihen nahm er auf einen Schlag. Wir hatten die Order, immer mit dem Rücken direkt an der Maiskante zu stehen und auf keinen Fall  in den Mais zu schießen.

Zwei Wochen zuvor hatten wir bereits an solch einer Jagd teilgenommen. Damals galt es, dem Mähwerk und den schnellen Ungetümen auf dicken Reifen auszuweichen. Als ich mich gerade auf meinem Sitzstock eingerichtet hatte, die Balance halten war nicht so einfach, schlichen sich die Ungetüme wieder an. Runter vom Sitzstock, über die Stoppeln stolpern, Platz machen, dann wieder an die Maiskante. Plötzlich spürte ich Muskeln, deren Existenz ich vergessen hatte. Stehen bleiben war zu anstrengend, das rechte Knie jammerte. Gott sei Dank brachen seinerzeit keine Sauen aus dem Mais.

„Die Sauen sind drin!“, hatte Schachti heute signalisiert und damit die Erregungskurve hochgepeitscht.  „Entweder kommen sie gleich zu Anfang“, ergänzte er „oder ganz zum Schluss!“  Die Spannung ließ ein wenig nach, als die ersten Reihen gehäckselt waren.

Irgendwie klappte es besser mit dem Ausweichen, dem Sitzstock und den Muskeln. Mein Blick glitt über den abgeknickten Mais, der in Hüfthöhe wie ein Dach die Sicht zum Boden verdeckte. Weiter hinten ragten die noch geraden Maisstangen gen Himmel. Für die Sauen super, dachte ich, sie brauchen sich nur einzuschieben und kommen im Stehen an die Kolben.

Ich hörte vom Fahrer des Häckslers, dass er den umgeknickten Mais besser von hinten häckseln könne, statt von vorn. Folglich kam der Mäher auf mich zu, fuhr zurück über das Abgeerntete und nahm die nächsten Reihen. Reihen für Reihen näherte er sich. Die Spannung wuchs. Plötzlich Ruhe. Motoren aus. Die Trecker-Fahrer verschwanden. Mittagspause!

Schachti fuhr mit seinem Wagen zu jedem einzelnen Jäger und brachte Kuchen und Getränke. Jeder blieb an seinem Stand. Die Sauen sollten schließlich Witterung von ihren Feinden behalten und sich nicht klammheimlich aus dem Maisfeld verabschieden.

 

Bald donnerten die Ungetüme wieder heran. Der Häcksler schnaufte, spuckte und fraß sich durch die Reihen. Die Spannung stieg, mein Blutdruck schnellte in die Höhe, der Puls raste.

Die letzte Reihe. Keine dreißig Meter vor mir. Plötzlich gelbe Warnleuchten, das Signal, dass Sauen gesichtet würden. Sitzstock weg. Adrenalinschuss pur! Überprüfung, wohin ich schießen kann, wenn sie da oder dort herauskommen. Neben mir, keine fünf Meter, Schachti, hinter mir, zehn Meter, Einstein.

Plötzlich kommt Bewegung in das Blätterdach, „zitternd“, wie Einstein später perplex schildert, direkt zwei Meter vor uns! Drei, vier, sechs kleinere Sauen ‚kullern‘ purzelnd aus dem Mais, vor unsere Füße, rappeln sich auf und hetzen an uns vorbei. Einstein zielt. Zehntelsekunde vor seinem Schuss stürzt das Tier zu Boden, tödlich getroffen, Schachti war schneller. Ich ziele auf ein etwas größeres, dunkleres Stück, die Kugel trifft, es zeichnet und flüchtet. Mein zweiter Schuss hinterher, auf neunzig Meter, freihändig stehend, das Tier liegt. Aufatmen. Durchatmen. Die Waffe öffnen. Ich sehe die anderen Sauen, starke Frischlinge, fast Überläufer, sie ziehen in einer Reihe dem Waldrand entgegen und werden zur Beute der anderen Jäger. Schachti eilt dem von mir erlegten Wildschwein nach und sein Handzeichen beruhigt mich: Es liegt tot im Gras.

Meine erste Sau bei einem Maistreiben! Ich kann es kaum fassen, bin glücklich und sende, wie heutzutage üblich, ein Foto von meiner Wildsau an meine Gunthi sowie ein Foto der gesamten „Strecke“ von sechs Sauen, die bereits ausgeweidet im Kühlraum hängen.

Ihre Reaktion: Video-Aufnahme mit ihrem Handy. Sie bläst auf ihrem Jagdhorn „Hoch soll er leben“, weil Schachti vor einigen Tagen um ein Jahr älter geworden war, und die Signale „Sau-Tod“, „Jagd-Vorbei“ und das „Halali“. Per WhatsApp erreichen sie uns Jäger und verleihen der traditionellen Übergabe der Brüche an die Erleger eine besondere Stimmung, ein wenig getrübt von Einsteins Einsicht: „Meine Reaktionszeit hat doch nachgelassen!“ 

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