Waldeslust

Auf der Rückfahrt von Knesebeck nach Celle. Nebenstrecke. An fast jedem Waldweg, der rechts oder links von der Straße abzweigte, ein Wohnwagen, manchmal mit einer roten Laterne oder blauer Leuchtröhre. Auf der Hinfahrt hatten wir sie bereits bemerkt. Ich habe mir nur meinen Teil gedacht; Einstein hatte geschwiegen.

Ich fuhr. Da ich unbedingt für ‚kleine Männer‘ auf einem Seitenweg anhalten wollte, jeder Seitenweg aber besetzt war, befahl ich: „Ruhe da unten!“

Plötzlich links ein Wohnwagen. Vor ihm stand eine Mamsell, dick, fast rund, mittelgroß, mit einem pinkfarbenen,  ihren Körper zusammenpressenden Ganzkörperbikini.

Ich prustete los und fragte mich, wer sich ihrer wohl erbarmen würde oder wer es so nötig haben könnte. Aber, die Geschmäcker sind bekanntlich unterschiedlich!

Einstein hatte diese Dame registriert, schüttelte sich und sagte voller Mitleid: „Wie kann man nur, ich könnte …“

Als er das sagte, hatte er sich nicht zu mir wenden können, weil er bereits Schmerzen im Nacken verspürte. Einstein erzählt viel und gern. Da ich schwerhörig trotz Hörhilfe bin, muss er sich mir als Beifahrer um 90 Grad zudrehen, damit ich ihn verstehen kann. Das aber schmerzt auf Dauer.

Deswegen habe ich das Satzende nicht verstehen können. Es klang jedenfalls nicht sehr aufbauend.

Auf jeden Fall wurde mir schlagartig klar, dass wir uns kein Wohnmobil kaufen könnten! Mit einem Wohnmobil durch Hans-Heinrichs Jagd? Auch ein Campingbus kleineren Formats wäre unangebracht. Was tun, schoss mir durch das Hirn.

Vier Kilometer weiter linker Hand eine bessere Frittenbude. Als wir jeder eine Riesen-Currywurst verzehrten, kam mir plötzlich die Idee: „Einstein, was hältst du davon, wenn wir uns einen Geländewagen zulegen? Wir wären ja einmal pro Monat zum Mond hier in der Heide. Hinfahrt, zwei Nächte auf dem Hochstand, und wieder am frühen Nachmittag des dritten Tages nach Hause, das reicht uns alten Männern. Wir suchen uns eine preiswerte Pension inklusive Frühstück, und haben das ganze Theater nicht mit einem Wohnmobil. Was sagst du dazu?“ 

„Superidee!“

Gesagt, getan: Anruf bei Peter, dem Inhaber eines Gasthauses nahe Knesebeck. Doppelzimmer, Superpreis, ohne Frühstück.

Unser Plan implizierte Anreise am frühen Nachmittag, Treffen mit Hans-Heinrich, Einweisung und Inspizierung der Hochstände, kleines Abendessen im Gasthaus, anschließend Nachtansitz, gegen Morgen ins Zimmer, frühstücken brauchen wir nicht, ausschlafen bis zur Kaffeezeit.  Treffen mit dem Pächter, weiter, wie gehabt. Gebongt!

Überprüfung der Waffen. Noch fahren wir mit unserem Kleinwagen, Gunthild leiht sich für diese drei Tage das Auto von Dieter, unserem Vertrauens-Kfz-Meister, um zur Arbeit fahren zu können.

Mit ambivalenten Gefühlen starten wir das Abenteuer. Natürlich mit Flo, die während der drei Stunden Anfahrt in ihrer Hütte auf dem Rücksitz schläft. Wie wird sie sich auf dem Hochstand verhalten? Werden wir Wildschweine sehen, können wir sofort erkennen, welches Tier gestreckt werden darf, fangen wir an, vor dem Schuss zu zittern, spielt das Wetter mit, haben wir genug Licht oder zu viel, weil Vollmond? Schießen wir daneben, blamieren wir uns? Was wird Unvorhergesehenes passieren?

Die neue Situation ist für uns älteren Herren nicht überschaubar und daher verunsichernd. Und dennoch wollen wir zur Jagd gehen, wollen es wagen. Lust am Töten oder Lust am Abenteuer? Wir müssen nicht schießen, erklären wir unisono, aber auf dem Hochstand zu sitzen, die Macht der Natur zu genießen, die Düfte zu inhalieren, wie, wenn wir an frischgemähten Wiesen vorbeifahren, das Treiben unterschiedlicher Tiere zu beobachten und tatsächlich unserer Gene folgend, auch Sauen schießen zu dürfen, erfüllt uns mit einer sehnsüchtigen Waldeslust!

 

Die erste Nacht, jeder auf einem anderen Hochstand. Fahrbare Kanzeln, nur drei Stufen hoch. Es kühlt stark ab. Sieben Grad fordern dicke Jacken. Bei Einstein steigt der Nebel aus der Wiese. Eigentlich schön anzusehen, verhindert aber die Sicht auf austretendes Wild.

Die Knie werden kalt, Flo fängt an zu zittern. Eine Decke über ihren Körper hilft wenig. Unter meiner weiten Ansitzjacke, dicht an meinen Bauch gepresst, wird ihr warm. Wenn es ab Oktober, November kälter wird, werde ich sie in meinen Ansitzsack versenken, plane ich in der Hoffnung, dass wir uns gegenseitig wärmen können.  Ich bin erstaunt, wie ruhig sich mein kleines Schnoodle-Hündchen verhält.

Gegen vier Uhr baumen wir ab und sind gespannt, was wir in der nächsten Nacht erleben werden. 

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