Man sieht sich immer zwei Mal im Leben

„Ich habe Michael erzählt, dass du den Jagdschein wieder gelöst hast. Du kannst in seiner Jagd auf einen Bock ansitzen“, begrüßt Gunthi mich, ihren Mann Silberlocke, „du möchtest ihn anrufen!“

Michael, inzwischen ein Tierarzt mit zwei Praxen, erinnert sich an mich, registriere ich verwundert. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen: Vor tausend Jahren, so kommt es mir vor, hatte ich als Pächter zweier Niederwildreviere um Greven und Emsdetten ihm erlaubt, in meinen Revieren mit seinen Vögeln zu beizen.

„Du  hast dafür gesorgt, dass ich mit Bussard und Habicht beizen durfte. Ich habe sehr viel lernen können. Viele Falkner waren sogar neidisch. Damals war der Futterneid zwischen den älteren Jägern und Falknern besonders stark, heute empfinden die jungen Jäger nicht mehr diese Besitzansprüche“, erklärte Michael mir während meines Anrufs.

Wir trafen uns wenige Tage später zu einem Abendansitz.

An den Ems Auen beobachtete eine Ricke mit ihren halbstarken Kitzen, die bereits als weibliche Teenies den sich nahenden Bock in Augenschein nahmen. Der Dreijährige machte keine Anstalten, die Ricke zu treiben. Entweder hatte er sich bereits vergnügt oder die jungen Schönheiten irritierten ihn. Jedenfalls präsentierte  er den Damen sein überlauscherhohes Gehörn mit engstehenden nach hinten gebogenen Stangen und weißblitzenden Spitzen. Ob Sechser oder Gabler konnte ich bei der Entfernung von etwa 130 Metern nicht klar erkennen.

Du lässt den Finger gerade, sagte ich mir, ein Sechser gehört dem Beständer!

Vier schwere Waldhasen tobten durch die Wiese, drei weitere Ricken zogen aus dem Wald in Richtung Ems…

Ich genoss die Abendsonne, den Blick über die Auen, die würzige Waldluft und die Tatsache, dass ich mit meinen 71 Lenzen nunmehr vermehrt die Zeit finden könnte, meiner Passion nachzukommen, dank einer verständnisvollen Ehefrau, auch Jägerin, aber derzeit politisch ungemein aktiv, sodass sie die Jagd einschränken muss.

 

Wie Schuppen fiel es mir von den Augen: Was, wenn ich hier einen Bock erlege? Schaffe ich es, ihn fachgerecht aufzubrechen, wie ich es früher gewohnt war, und ihn allein zum Auto zu schleppen? Was würde Michael sagen, wenn ich ihm meine Schwäche beichtete?

Er lachte und entschied: „Wenn es so weit ist, rufst du mich an. Ich komme und helfe dir!“

Ich war glücklich, weil ich mich verstanden fühlte und mit meinen Schwächen angenommen wusste.

 

 

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